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Versorgungsengpässe, Missbrauchspotenzial und daraus folgende

Bundesregierung

Datum

2025-11-04

Arbeits Nr.

21/2572

Anfrage

Die auch als „Sättigungshormone“ bezeichneten Glucagon-like Peptide-1-Re-
zeptoragonisten (kurz: GLP-1-RA oder GLP-1-Agonisten) wurden ursprüng-
lich für die Behandlung von Diabetes mellitus Typ 2 entwickelt. Die bislang
im Wesentlichen hierfür genutzten Wirkstoffe dieser Gruppe, Semaglutid, Li-
raglutid, Tirzepatid und Exenatid ahmen das körpereigene Hormon GLP-1
nach, welches sowohl die Insulinausschüttung anregt bzw. den Blutzucker-
spiegel reguliert als auch die Magenentleerung verzögert und so ein anhalten-
des Sättigungsgefühl hervorruft. Zusätzlich erhält das Gehirn ein Sättigungs-
signal (www.diabetesde.org/ueber_diabetes/was_ist_diabetes_/diabetes_lexik
on/glp-1-rezeptor-agonisten).
Durch diese vielfältige Wirkweise bei der Zufuhr von GLP-1-RA ist nicht nur
eine wirksame Behandlung von Diabetes möglich, sondern es sinkt während
der Behandlungsdauer für gewöhnlich der Appetit, was in den meisten Fällen
zu einer Gewichtsabnahme führt. Verabreicht werden die Präparate mittels In-
jektions-Pen, ähnlich wie bei der Verabreichung von Insulin (GLP-1-Rezept-
oragonist – DocCheck Flexikon, https://flexikon.doccheck.com/de/GLP-1-Rez
eptoragonist). Der Wirkstoff Tirzepatid wirkt als Dual-Analogon zusätzlich als
GIP-Agonist (GIP = glukoseabhängiges insulinotropes Peptid; www.pharmaze
utische-zeitung.de/tirzepatid-jetzt-auch-bei-adipositas-zugelassen-144491/,
https://flexikon.doccheck.com/de/Tirzepatid#cite_note-2).
Seit 2018 befindet sich Ozempic® mit dem Wirkstoff Semaglutid als Antidia-
betikum in Deutschland auf dem Markt. Es ist für Diabetiker (Typ 2) zugelas-
sen und wird für diese auch von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt. Ry-
belsus® ist ebenfalls für die Behandlung von Diabetes zugelassen, Wegovy®
von demselben dänischen Hersteller, wie auch Mounjaro® mit dem Wirkstoff
Tirzepatid eines US-amerikanischen Herstellers und weitere sind erst seit etwa
zwei Jahren von der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) als Mittel zur
Behandlung von Adipositas (krankhafte Fettleibigkeit) zugelassen (www.phar
mazeutische-zeitung.de/was-heilberufler-und-patienten-gegen-lieferengpaess
e-tun-koennen-148304/seite/2/?cHash=c54822cc98f50652e5303693e88f
54d7).
Mounjaro® ist sowohl für Diabetes Typ 2 wie auch zur Behandlung von Adi-
positas zugelassen (www.pharmazeutische-zeitung.de/tirzepatid-jetzt-auch-be
i-adipositas-zugelassen-144491/). Die Präparate sind verschreibungs- und
apothekenpflichtig, und die Adipositas-Therapie muss ärztlich begleitet wer-
den (www.ikk-classic.de/gesund-machen/leben/abnehmspritze).
Die Kosten für eine Therapie zum Abnehmen für Adipositas-Patienten mit
diesen Präparaten werden nicht oder allenfalls in Ausnahmefällen von den ge-
setzlichen Krankenkassen übernommen, müssen also vom Patienten in der
Regel selbst getragen werden (www.g-ba.de/presse/pressemitteilungen-meldu
ngen/1170/; www.krankenkassen.de/gesetzliche-krankenkassen/leistungen-ges
etzliche-krankenkassen/gesetzlich-vorgeschriebene-leistungen/neue-leistunge
n/abnehmespritzen/).
Im Rahmen einer (für gewöhnlich) 18-monatigen Therapie zur Gewichtsab-
nahme verabreicht sich der Patient regelmäßig (nach vorgegebenem Verabrei-
chungsschema) selbst eine subkutane Injektion. Wichtig ist eine behandlungs-
begleitende, zusätzliche Beratung oder Therapie bezüglich Ernährung, Le-
bensführung (z. B. Bewegung) oder Weiterem, um zu erreichen, dass schädli-
che Nebenwirkungen vermieden werden und der medikamentöse Behand-
lungserfolg langfristig bestehen bleibt – um also eine erneute Gewichtszunah-
me zu verhindern. Im Falle der Adipositas-Behandlung kann eine ärztlich ver-
ordnete Langzeitmedikation vonnöten sein (www.apotheke-adhoc.de/nachrich
ten/detail/pharmazie/abnehmmittel-so-rasch-nimmt-man-danach-wieder-zu/#).
Es besteht laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM)
eine beschränkte Verfügbarkeit von Diabetesmedikamenten mit Wirkstoffen
der GLP-1-Rezeptor-Agonisten wegen weltweit erhöhter Nachfrage: „Nach
den dem BfArM vorliegenden Informationen resultiert das Problem aus einer
weltweit gestiegenen Nachfrage nach den in Rede stehenden Arzneimitteln
und der Annahme, dass diese vornehmlich aus der Anwendung bei Adipositas
resultiert“ (www.bfarm.de/DE/Arzneimittel/Arzneimittelinformationen/Liefer
engpaesse/glp.html, www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/detail/pharmazie/oz
empic-engpass-bis-ende-august/). Auch in den Medien findet man diesbezüg-
lich Berichte über massive Versorgungsprobleme für Diabetespatienten (www.
focus.de/gesundheit/mounjaro-ozempic-wegovy-abnehmspritzen-im-check-er
naehrungsberaterin-warnt-vor-versteckten-gefahren_id_260722425.html).
Der Einsatz von Arzneimitteln mit GLP-1-RA ist meist mit verschiedenartigen
Nebenwirkungen verbunden, die unterschiedlich stark ausfallen können. Diese
können nach jetziger Erkenntnis Dehydrierung, Kopfschmerzen oder Schwin-
del sein, den Verdauungstrakt betreffen oder krankhaften Verlust von Muskel-
masse und Muskelkraft (Sarkopenie) bewirken. Auch sollen Erkrankungen der
Bauchspeicheldrüse und Gallenblase auftreten können (www.ikk-classic.de/ge
sund-machen/leben/abnehmspritze, www.geo.de/wissen/gesundheit/abnehmsp
ritze--klage-nach-schweren-nebenwirkungen-34387694.html). Studien und
Patientenbeschwerden in den USA weisen darauf hin, dass Magenlähmungen,
Entzündungen der Bauchspeicheldrüse und Darmverschlüsse nicht auszu-
schließen sind (www.focus.de/gesundheit/mounjaro-ozempic-wegovy-abnehm
spritzen-im-check-ernaehrungsberaterin-warnt-vor-versteckten-gefahren_id_2
60722425.html).
Die US-Gesundheitsbehörde FDA weist auf ein potenzielles Risiko für Schild-
drüsen-C-Zell-Tumoren (medulläres Schilddrüsenkarzinom, insbesondere bei
MEN-2-Syndrom) hin (www.accessdata.fda.gov/drugsatfda_docs/label/2020/2
09637s003lbl.pdf?utm_source=chatgpt.com). Die Langzeitwirkungen in nicht-
diabetischen Anwendergruppen sind bislang offenbar nicht vollständig er-
forscht (https://ec.europa.eu/health/documents/community-register/2024/2024
0321161962/anx_161962_en.pdf?utm_source=chatgpt.com).
In den vergangenen Monaten wurde in Medienberichten erklärt, dass durch
GLP-1-RA-Medikamente die Möglichkeit für bestimmte Augenerkrankung,
bis hin zur Erblindung, erhöht wird (www.independent.co.uk/news/health/oze
mpic-drug-semaglutide-lawsuit-blindness-b2754728.html, https://www.epochtmes.de/vital/diabetesmedikament-erhoeht-gefahr-fuer-schwere-augenerkrank
ung-bei-gefaehrdeten-patienten-a5214374.html).
Werden diese Mittel ohne ärztliche Verschreibung und Aufsicht eigenständig
zugeführt, kann es zu gesundheitlichen Schäden kommen. Menschen, die
weder unter Adiposität noch Diabetes leiden, beschaffen sich diese Mittel
nicht selten ohne ärztliche Verschreibung, in manchen Fällen über den Inter-
net-Schwarzmarkt, weil sie hoffen, auf einfache Weise eine angestrebte Ideal-
figur zu bekommen. Durch Prominente und Influencer angefacht, entwickelt
sich so eine zunehmende Nachfrage nach diesen Medikamenten mit GLP-1-
RA-Wirkstoff als „Lifestyle-Mittel“ (www.geo.de/wissen/gesundheit/abnehms
pritze--klage-nach-schweren-nebenwirkungen-34387694.html). Aus Sicht der
Fragesteller ist durch diese Entwicklung von einer Verschärfung bezüglich der
insgesamt bereits fragilen Versorgungssituation auszugehen. Vor allem das Di-
abetesmedikament Ozempic® wird so über Internet-Handelsportale als Mittel
zum Abnehmen vertrieben. Dieses Phänomen führt einerseits zur Verknap-
pung der Wirkstoffe für indizierte Behandlungen und kann andererseits bei
eigenständiger Verabreichung behandlungsbedürftige Gesundheitsschäden
hervorrufen.
Sowohl mittels gefälschter Rezepte wie auch gefälschter Medikamente verdie-
nen international agierende Kriminelle an dem Bestreben zahlreicher Konsu-
menten, die mithilfe der namhaften Arzneimittel schlank werden wollen
(www.who.int/news/item/29-01-2024-shortages-impacting-access-to-glucago
n-like-peptide-1-receptor-agonist-products--increasing-the-potential-for-falsifi
ed-versions; www.br.de/nachrichten/bayern/wegovy-ozempic-und-co-abneh
m-hype-ruft-kriminelle-auf-den-plan,UljoJjA).
Hinzu kommen im Ausland ansässige Internet-Portalbetreiber, die es ermögli-
chen, die Mittel ohne ärztliche Konsultation oder Verschreibung, nach dem
Ausfüllen von Fragen in einem Internet-Formular, zu bestellen.
1. Ist der Bundesregierung bekannt, inwieweit die Versorgung von Diabete-
spatienten mit den genannten Mitteln gefährdet ist, und unternimmt die
Bundesregierung ggf. Bemühungen, um sicherzustellen, dass die genann-
ten Wirkstoffe in ausreichendem Maße für Diabetesbehandlung zur Ver-
fügung stehen und Engpässe für Arzneimittel mit GLP-1-RA-Wirkstoff
vermieden werden (bitte nach Wirkstoff und Medikament aufschlüs-
seln)?

Antwort

Nach Informationen der Bundesregierung ist die Versorgung mit Arzneimitteln
mit GLP-1-Rezeptor-Agonisten ausreichend gesichert. Ein aktuell gemeldeter
Lieferengpass kann durch wirkstoffgleiche Alternativen kompensiert werden.
Als Maßnahme, um den in der Vergangenheit gehäuft vorkommenden Liefer-
engpässen bei Arzneimitteln mit GLP-1-Rezeptor-Agonisten zu begegnen, ist
eine abgestimmte Empfehlung vom Beirat gemäß § 52b Absatz 3b des Arznei-
mittelgesetzes (AMG) für Liefer- und Versorgungsengpässe zum indikationsge-
mäßen Gebrauch der o. g. Wirkstoffgruppe auf der Internetseite des Bundesins-
tituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) veröffentlicht (www.bfar
m.de/SharedDocs/Downloads/DE/Arzneimittel/Zulassung/amInformationen/Li
eferengpaesse/Archiv/semaglutid_dulaglutid_empfehlung_beirat.html). Um
auch perspektivisch Unterversorgungen von Diabetes mellitus-Patientinnen und
-Patienten mit Arzneimitteln mit GLP-1 Rezeptor-Agonisten zu vermeiden, hat
die o. g. Empfehlung des Beirats weiterhin Gültigkeit.
Auch auf europäischer Ebene wurden Maßnahmen zur Sicherstellung der Ver-
sorgung mit Arzneimitteln mit GLP-1-Rezeptor-Agonisten getroffen. Diese
wurden innerhalb der Arbeitsgruppe zentraler Ansprechpartner für Engpässe
bei Arzneimitteln (Medicines Shortages Single Point of Contact (SPOC) Wor-
king Party) sowie der hochrangigen Lenkungsgruppe zur Überwachung von

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